Vorstellung

    • Was wäre wenn unsere Helden eine Stimme hätten und von ihren Abenteuern berichten könnten.
      Wenn sie uns auf ihre riskanten Reisen entführen würden. Ihre Geschichten künden von Wagemut, Tapferkeit und Freundschaft im Angesicht von blutrünstigen Bestien, boshaften Menschen oder dämonischen Einflüßen.

      Werden sie es überstehen?

      Schauen wir mal was einer von ihnen zu erzählen hat.

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      Mathos Tagebuch #1 - Die Landung

      Ich bin gelandet. Eigentlich bin ich mit der Rübe voran gegen die Steilklippe gedonnert.
      Warum? Sagen wir Kapitän Dregger war nicht mit meiner Leistung zufrieden, aber deswegen muss er mich nicht gleich mit dem Katapult auf einen fremden Kontinent einnageln.
      Seine Reaktion war völlig überzogen, aber das kenne ich nicht anders von dem alten Schreihals. Und gebrüllt hat er. Da übersieht man mal ein lausiges Riff und schon drehen alle durch.
      Aber auf dem offenen Meer hat sich nie einer über meine Arbeit beschwert.
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      Ich werde mich wohl vorerst mit diesem Eiland beschäftigen. In der alten Heimat haben sie von > wie auch immer< geschwärmt. Überall standen die Anwerber und wer in der falschen Kneipe sein Feierabendbier trank, wachte am nächsten Morgen versandfertig verschnürt in der Hafenmeisterei auf. An Bord der Trinidad Makabro de Compostela hatten sie die Siedler bis unters Deck gestapelt. Die armen Schweine sahen nach einer Woche auf See aus, wie ein Gelbfieberlazarett auf Büßerwanderschaft. Das Schiff haben sie auch grün und gelb tapeziert. In jeden Eimer, in jede Ritze, sogar in meine Kaffeetasse haben sie gekotzt.
      Die liegt jetzt auch da draußen auf dem Meeresgrund. Zusammen mit meinem Krempel und der Heuer.

      Das Schiff kränkt nach Backbord. Es liegt schon recht tief zwischen den hochleckenden Schaumkronen. An Deck schreien die Siedler um Hilfe.
      Sie winken.
      Ich winke zurück.
      Wenn sie die Boote abfieren, verschwinde ich vom Strand.

      Mehr als die Top Drei der Dinge, die ich nicht mag, sehe ich hier eh nicht. Heulende Matrosen - Blut im Gesicht - und ich glaube ich habe eine Wanderkrabbe in der Hose.
      Aber wohin? Erst mal weg vom Strand. Zum nächsten Hafen. Hoffentlich haben die hier schon das Rad erfunden. Geld brauche ich auch. Da hinten führt ein Steilpfad die Klippen hoch. Und wo ein Pfad ist, da muss es auch Menschen geben. Bei einer solchen Untiefe vor der Küste, sollte es mindestens einen Leuchtturm geben.

      Vielleicht können die dort einen tüchtigen Ausguck gebrauchen.

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    • Mathos Tagebuch #2 - Hasenjagd

      Das Land war eine Frühlingswiese mit herunterbrennender Sonne. Insekten schwärmten zwischen den vielfarbenen Blütenkelchen aufgeregt hin und her. Getragen von einer salzigen Brise, die über den Grat landeinwärts strömte. Ich folgte dem Weg bis zum verlassenen Camp. Rechts vom Pfad standen windschief zusammengenagelte Regale, gefüllt mit Erzbrocken, Steinquadern, Bergkristallen, schimmernden Metallbarren und Einweggläsern voller Goldflitter. Gegenüber baute offensichtlich der Gleiche seine Kate. Ein vorne offener Kasten mit zwei schlecht ausgeschnittenen Löchern, die wohl Fenster sein sollten, verhangen mit übereinandergeschlagenen Segeltuchfetzen, die sich im Wind blähten. Auch die offene Seite versteckte sich hinter einem Segeltuch das sich stark nach innen wölbte. Das Hämmern auf Eisen lockte mich weiter über den nächsten Hügel. Dort stand ich plötzlich vor dem Besitzer des Lagers.

      Der Kerl war das Abziehbild eines Schmiedes. Groß, lederne Haut, brauner Schnauzer, Glatze, voluminös - sozusagen fett und Arme, die eigentlich Oberschenkel werden sollten. Er wischte sich mit der zerknitterten Lederschürze den Schweiß ab und sah mich herablassend an. Auf seinem Arm schählten sich im Spiel aus Licht und Schatten acht Namen hervor, von denen die oberen sieben durchgestrichen waren. Der dunkelblauen Farbe nach, hatte er sich mit einem Füller tätowieren lassen, worauf er sichtlich stolz war, da er, kaum dass er meinen neugierigen Blick bemerkt hatte, die Muskeln zum zerreisen spannte. Seine Laune besserte es jedoch nicht.


      »Was willst du?«, blaffte er mich an.
      »Arbeit?«
      Er legte den Kopf schief und zog die buschige Augenbraue zu einer Linie zusammen.
      »Siehst mir nicht aus wie ein Schmiedelehrling.«
      Ich winkte leichtfertig ab: »Ich kann alles. Hab schon alles gemacht und alles gesehen.«
      »Soso. Hau ab.«
      »Na bitte wenn du nicht willst. Sag mir wenigstens wo die nächste Stadt liegt – Mausi.«
      Das war der letzte Name auf seiner Liste. Vor mir trieb der Hammer das klingende Eisen auseinander. Dann faßte mich der Schmied ins zusammengekniffenen Auge.
      »Was hast du gesagt?«
      »Ich fragte wo‘s zur nächsten Stadt geht.« Und nach einer Pause. »Mausi«
      Dabei grinste ich so unverschämt, dass sich dem Schmied der Schnauzer aufrollte. Er sog hörbar Luft ein und zählte heimlich bis drei. Sein Brustkorb blähte sich noch weiter auf und er straffte seine Haltung.
      »So du willst also arbeiten? Ich hab was für dich. Schaff mir Fleisch ran. Dann muss ich heute Abend nicht zur Stadt latschen. Stell ein paar Fallen auf und fang die Hasen auf der Wiese. Für jeden Hasen zahl ich dir 40 Silber - du Profi.« Ich glaubte er nahm mich nicht ernst. Da ich ihn nur dumm anschaute, grinste er unvermittelt.
      »Oder hast du damit ein Problem?«
      Ich löste mich mit einem Kopfschütteln aus der Starre und zuckte gelangweilt mit den Schultern: »Nö, wieso denn?«
      Um für den Kampf Mensch gegen Hase gerüstet zu sein, griff ich zum erstbesten Messer, das in der Schmiede herumlag.
      »Was wird denn das, wenn es fertig ist.«
      »Du willst ja wohl deinen Hasen nicht mit Fell fressen, oder? Und mein Zeug ist mit dem Schiff untergegangen.«
      Der Schmied schreckte hoch: »Dein Schiff ist untergegangen. Wann? Wo?« Putzig wie er sich um andere sorgte. Ich deutete mit dem rostigen, schartigen Messer den Weg zurück: »An den Klippen vorne. In etwa 20 Minuten.«
      Die Spannung beim Schmied ließ augenblicklich nach. Er konzentrierte sich wieder auf sein glühendes Metallstück.
      »Du verarscht mich doch«, brummte er.
      »Leg das Messer weg, wenn du dafür nicht zahlen kannst. Da draußen hats Steine und Holz im Überfluss. Bau dir gefälligst wie jeder andere Fallen. Einem „Profi“ müssen die Hasen ja so aus der Hand fressen«, sagte er spitz, während er die Nase rümpfte.
      »Da sagst du was. Da gab‘s mal einen Hasen in der Bar in Kinobel. Da ging die Post …«
      Ich lehnte mich gelassen gegen ein Ölfass und schwang das Messer.
      »Hau ab und lass das Messer hier.«

      Manche Menschen haben einfach keine Manieren.


      Das mit dem Jagdgeschick war gelogen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen lebenden Hasen gesehen. Das einzige wovon ich etwas verstand, war das Fischen. Aber ich glaube man kann in Wäldern keine Wildschweine angeln. Und was man an die Angel heften muss, damit ein Hase anbeist, das wusste ich auch nicht. Karotten gab‘s weit und breit nicht. Und die schlecht zusammengeschusterten Fallen, waren so groß das man damit Mammuts fangen musste und dem Mammutmangel hier auf der Wiese nach zu urteilen, hatten die grade keine Saison. Ein einziger Hase war mir in die Falle gehopst. Der Stein sauste runter und das Karnickel entwischte durch die löchrige Seitenwand. Dabei quickte es noch gehässig. Danach würdigte die Biester meine Fallen mit keinem Blick mehr.


      Inzwischen stand die Sonne tief. Am Horizont zeichneten sich schon die gelben und roten Dämmerungsbänder ab. Der Wind drehte und die ersten Leuchtkäfer stiegen auf. Aus lauter Verzweiflung jagte ich die Tiere mit einer Keule. Leider schlugen sie bessere Haken als ich oder tauchten einfach in tiefen Erdlöchern ab. Das letzte Karnickel, dem ich hinterhereierte, flitzte durch das Schmiedelager. Vor der Kate gab ich die Jagd auf. Mein Atem rasselte. Das Herz randalierte im Brustkorb. Meine Beine waren Wackelpudding. Ich ließ die Keule fallen und sank auf die Knie. Es war zum verzweifeln. Als ob mir etwas zustimmen wollte, quickte etwas durch das Segeltuch hindurch.

      Ich kroch zur Kate rüber und spähte hinein. Im Halbdunkel saß etwas auf dem Tisch und machte sich über eine Schale Gemüse her. Es war zu groß für ein Karnickel. Eher ein kleiner Hund. Mit extrem dicken, wolligen Fell, in dem sich die langen Schatten verfingen. Vorsichtig zog ich den Kopf ein, ohne es aus den Augen zu verlieren, und tastete nach der Keule, als plötzlich vor der Küste die erste Seenotrakete aufstieg. Das Schiff schwamm also noch. Im Schein des gespenstischen Grüns reckte das etwas den Kopf hoch und stellte die Löffel auf. Mit glutroten Augen sah es mich an. Schneeweißes Fell. Und unter der rosa Nase hingen zwei lange Hauer. Das war ein richtiges Wehrkarnickel. Der Großvater aller Karnickel. Für den bekam ich das Doppelte, so fett und groß wie er war.

      Langsam schob ich mich erst auf die Beine und dann durch das Segeltuch.
      »Gutes Karnickel«, säuselte ich mit honigweicher Stimme. »Komm doch raus. Ich hab ne schöne Karotte für dich.«
      Mit beiden Händen umklammerte ich den Keulengriff hinterm Rücken und lächelte dabei so versonnen wie ein Geistesgestörter. Das Karnickel mümmelte unbeeindruckt an seinem Salatblatt. Wenn es nach mir ginge, wäre es das Letzte in seinem Leben gewesen. Entschlossen rückte ich zwei Schritte näher heran und hielt ihm die leere Hand entgegen. Jetzt konnte ich zuschlagen.
      Sowas ähnlich muß sich das Mistvieh auch gedacht haben, den plötzlich stieß es einen markerschütternden Kriegschrei aus, spannte sich mit angelegten Löffeln zu einer Kugel und schnellte mit dem Kopf voran in meinen Unterleib. So ein Karnickelschädel ist hart, wenn er auf Hühnerprodukte trifft. Ich sank wimmernd zusammen. Meine Hände verkrampften, ließen die Keule los und schnellten vor die pochende Hose. Viel zu spät bemerkte ich, wie es in drei Sprüngen hinter mir war und zum Todesbiss ansetzte. Gleich einem blutleeren Vampir bei einer 17-jährigen versenkte das Vieh seine Beiser genüsslich in meinem Nacken. Ich schrie auf vor Schmerzen, warf mich hin und wälzte mich am Boden, wobei meine Hände haarscharf am Karnickelleib vorbeischrammten. Das Biest gab nicht auf. Es knurrte wie ein Hund und watschte mich mit den Löffeln ab. Seine Krallen ritzten ganze Felder von Schlangenlinien auf meinen Rücken. Irgendwie kam ich auf die Beine und warf mich mit dem Rücken gegen den protestierenden Mittelpfosten. Das Karnickel pfiff vor Schmerzen. Es löste den Biss. Ich packte es an den Löffeln und pfefferte es durch das Segeltuch. Im nächsten Moment wurde es dunkel, weil das gesamte Dach herunterkam.

      Als ich aus dem Trümmerhaufen kroch, stand der Schmied breitbeinig und übellaunig vor den Überresten seiner Hütte. Seine Augen funkelten zornig. Er verschränkte die Arme vor der Brust und zischte: »Hast DU mein Mausi ins Regal geworfen?«
      Ich sah verwirrt an ihm vorbei zu den geplatzten Einwegläsern am Boden, aus denen der Wind Goldflitter entführte, das Regal hinauf zu dem rücklings liegenden Monster zwischen weiteren abgeräumten Gläsern. Sah aus wie ein Volltreffer bei der Wurfbude. Seine Hinterläufe zuckten noch. Ein langgezogenes, klagendes Fiepen trieb protestierend durch die Luft.
      »Das ist Mausi?«
      Da fielen mir auf Anhieb bessere Namen ein.
      »Ich hab das Biest beim Randalieren erwischt«, ächzte ich und deutete auf die zerstörte Hütte. Dabei versuchte ich mein Bein loszureißen, das unter einem Balken fest hing. Der Schmied zog sein Karnickel vorsichtig aus dem Regal und kuschelte es zurück in die Realität.
      »Macht 40 Silber«, sagte ich und hielt die Hand auf.
      »Dafür willst du Geld? Das ist mein Karnickel, du Idiot.«
      Ich zerriss mein Hosenbein, krabbelte unter den Trümmern hervor und stand auf.
      »Also gut ich erlasse dir 50 Prozent. Aber es ist doppelt so fett wie ein normales Karnickel. Damit sind wir wieder bei 40.«
      Der Schmied begutachtete irre meine offene Hand, dann die Kate. Er schwankte zwischen bezahlen und ausrasten, als den Weg hoch Stimmen ertönten und eine weitere Leuchtrakete den dämmrigen Himmel erhellte. Bevor er begriff, was da eigentlich geschah, legte ich ein paar Meter zwischen uns und verabschiedete mich im Plauderton: »Ist ja nicht so wichtig. Ich lass auch anschreiben. In der Richtung geht‘s in die Stadt? Ja? Man sieht sich irgendwann.«
      Als ich über den nächsten Hügel verschwand, hörte ich die knurrende Stimme meines ehemaligen Kapitäns.

      »So dumm wie du aus der Wäsche guckst, war Mathos schon hier.«

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    • Mathos Tagebuch #3 - Herzensangelegenheit Teil 1


      Der Weg zur nächsten Stadt führte durch dichte Buchenwälder und über halbschattige Trampelpfade. Ich lauschte dem Vogelgezwitscher und kühlte meine pochende Stirn im schneidigen Ostwind, der durch die Baumgassen rauschte. Als sich der Pfad zu einer blühenden Wiesenlichtung weitete, saß am Wegesrand ein hagerer, alter Kerl. Mitgenommen sah er aus. Gezeichnet von den Jahren, die seine Schultern niederdrückten. 70 - 80 - 90 Jahre war er alt, Geierhals, hervortretender Adamsapfel, zwei strahlend weiße, buschig ausfächernde Brauen über stechenden Augen, die voller Inbrunst die Welt herausforderten. Er hüllte seinen schmächtigen Leib in eine graue Juterobe und seine knöchernen, spinnenbeinlangen Finger umklammerten einen schulterhohen, knorrigen Gehstab, dessen kugelrunder Knauf mit einer filigranen Schnitzarbeit aufwartete, die an übereinandergelegte Hände erinnerte.
      Mich interessierten mehr die Papiertüten, die neben ihm standen und aus denen frisches Brot und Gemüse lächelten. Mein Magen rebellierte schon und zog sich aus Furcht vor der Selbstaufzerrung zu einem Punkt zusammen. Ich erinnerte mich vage an die letzte Mahlzeit. Am liebsten hätte ich einfach zugegriffen, aber der Alte taxierte jeden Schritt mit Argusaugen. Als ich gerade auf gleicher Höhe mit ihm war und angewidert die Nase rümpfte, erhob er seine tattrige Stimme: »Entschuldige junger Mann. Kannst du mir helfen?«
      Ich blieb stehen und bedachte ihn mit einem unbeteiligten Blick. Mein Daumen wanderte gegen die Brust.
      »Ja genau«, lächelte der Alte gezwungen. »Ich bin alt und brauche etwas Hilfe. Kannst du meine Einkäufe bis nach Hause tragen? Es ist nicht mehr weit.« Er deutete zittrig den abzweigenden Schotterweg entlang.
      »Vielleicht 1 Meile den Weg entlang.« Das war ja wohl die Höhe. Fragte der mich doch glatt um Hilfe und wedelte dabei mit Essen vor meinem winselnden Magen herum.
      »Nein kann ich nicht«, murrte ich griesgrämig, rammte meine Hände demonstrativ in die Taschen und ging weiter. Fassungslos sah der Alte hinterher, bis er seine Stimme wieder fand.
      »So geht das aber nicht. Du solltest jetzt eigentlich helfen.«, protestierte er.
      »So? Dann pass mal genau auf.«, erwiderte ich kalt über die Schulter.
      »Wenn du mir hilfst, lade ich dich heute Abend zum Essen ein«, schob er verzweifelt nach. Ich blieb stehen. »Du kannst auch gerne über Nacht bleiben.« Mein Blick wanderte zurück. Im Spiel aus Licht und Schatten wirkte er noch gebrechlicher. »Leg noch fünf Silber drauf und du hast deinen Träger.« »Was? Jetzt soll ich dich auch noch bezahlen«, protestierte er empört.
      »Was sind schon fünf Silber, wenn man sich im Gegenzug einen langen, beschwerlichen Weg erspart«, antwortete ich frech. Der Alte warf die Arme hoch, so das die weiten Ärmel zurücksackten und seine spindeldürren Unterarme offen legten. »Also gut. Und nun komm und hilf mir auf, wenn ich dich dafür schon bezahlen muss.« Ich stutzte.
      »Du bezahlst fürs Tragen deiner Einkäufe. Hilfe kostet extra.«


      Mit zwei weiteren Silberstücken im Beutel folgte ich ihm schwer beladen aber zufrieden. Die Hälfte des Weges schleppte er sich voraus und warf mit Verwünschungen um sich, angestachelt vom Grinsen, das ich noch breiter zog, sobald er sich umschaute. Wir marschierten geradewegs ins dunkle Herz des Waldes hinein. Dorthin wo das Sonnenlicht nur noch einzelnd durch die Baumkronen fingerte. Am Wegesrand wuchsen traurig durchhängende Giftefeuranken und Däumlinge, kleine steingraue Kappenpilze mit schwarzen Rändern, die nach Albträumen schmeckten. Zwischen knorrigen Bäumen, inmitten von dünnem Vogelgezwitscher und einem merkwürdigen, hohlen Klappern, dass aus den schwärzesten Ecken des Waldes zu kommen schien, glänzten signalgelbe Eiterwuchten, Schleimpilze, die Bäume von den Wurzeln bis zur Krone einnetzten und sie über Jahre hinweg aussaugten, bis die Stämme nur noch leblose Hüllen waren, die gleich verfaulten Zahnstümpfen schief im Waldboden steckten.
      »Woher kommst du?«, fragte der Alte.
      »Amista«
      »Bist du Seefahrer?«
      »Ich war Decksmann auf der Compostela.« Der Alte reckte den Kopf, was bei seinem Geierhals bedeutete, dass die Ohren über die Schultern rutschten. »Bringt ihr Siedler?«, fragte er interessiert.
      »Ja so viele wie eben aufs Schiff passen. Müssen um die 150 Köpfe sein. Da wurde es schon eng auf der Brigg.«
      »So so«, der Alte dachte angestrengt nach. »Ich hab früher oft auf dem Meer gefischt«, erwähnte er nebenbei.
      »Aha«, entglitt es mir gelangweilt. Wie ein Fischer sah er nicht aus. Als ob ich ihn bei einer Lüge ertappt hätte, richtete er sich wieder dem Weg zu und blieb für die restliche Strecke stumm.
      Später erreichten wir eine Holzhütte mit Spitzdach und tiefhängender Traufe. Die einst roten Schindeln erstrahlten dort, wo der Algenbewuchs dünn war und das Licht bis zum Boden reichte. Darunter hingen im Halbschatten leere, viergeteilte Fenster. Aus dem Schornstein qualmte es dunkel und eine junge Blondine versuchte ungelenkig die Wäsche auszulüften. Als sie uns sah, kam sie uns entgegen.
      »Vater. Du bist zurück?«, flötete sie mit besorgter Stimme ohne mich eines Blickes zu würdigen. Mehr als zwei Tüten auf Beinen sah sie eh auch nicht von mir.
      »Ja sicher.« Er zog sie mit uns Richtung Haus. »Du sollst dich nicht überanstrengen. Lass mich die Einkäufe erledigen.«
      »Schon gut«, beschwichtigte er sie mit aufgelegter Hand und zog sie weiter fort. Ich spechtete durch den Schlitz zwischen den Tüten und beobachtete noch wie er ihr mit einer harschen Geste Einhalt gebot. Dann deutete er auf mich und raunte ihr etwas zu. Sofort glänzten ihre Augen. Ein Nicken später riss sie mir die linke Tüte aus der Hand.
      »Verzeihung. Mein Name ist Salina Makarò.« Bei dem Namen erdolchte der Alte sie fast mit seinen Blicken. Unbeeindruckt davon fuhr sie fort. »Ich denke wir sind uns noch nicht vorgestellt worden.« Sie legte den Kopf schief und lächelte freundlich, ohne zu merken wie im nächsten Moment der Hals nach vorne wegklappte und ihr bezauberndes Lächeln wirkungslos an meinen Zehenspitzen verpuffte. Dass man mit Mitte 20 schon so schräg gucken konnte, wusste ich gar nicht. Ich griff ihr beiläufig ans Kinn und drückte den Kopf mit zwei Fingern nach oben. Sie bemerkte es erst als sie ihre Augen aufschlug und schreckte gleich einem scheuen Reh davon.
      »Mathos«, stellte ich mich vor. »Damit würde ich mal zum Arzt gehen.« Sie sah mich verständnislos an.
      »Lass das mal meine Sorge sein«, knurrte ihr Vater und schloss die Türe auf. Die Wohnkammer bestand aus staubigen Regalen und Büchern. Es herrschten eisige Temperaturen im Haus. Spinnenweben klebten in den Ecken. Das wurmstichige Mobiliar hatte seit Jahren kein richtiges Tageslicht mehr gesehen. Die Luft schmeckte fad und stickig.
      »Salina, gehe in die Küche und bereitet das Essen vor. Unser Gast bleibt über Nacht.« Sie nickte steif, griff nach der zweiten Tüte und wankte am Alten vorbei, der gerade mit dem Schührhaken gedankenverloren in der kalten Kaminglut rumstocherte.

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    • Während das Essen unten kochte, stahl ich mich davon und sah mich in dem verwitterten Haus um. Oben gab es diverse Zimmer. Die meisten davon lagen im dämmriger Tiefschlaf zwischen Leben und Tod unter Dreck und Staub begraben. Das hinterste Zimmer hingegen war auffallend ordentlich. Ein sauberes Bett, helle Farben, Licht im Überfluss. Auf dem Tisch vor einem gesprungenem Spiegel standen Porträtbilder von Männern und einer unbekannten Frau. Unten donnerte Blech auf Kachelboden. Flüche zuckten durch die abgestandenen Luft, gefolgt von einer Litanei an Gemecker. Ich kümmerte mich nicht weiter darum und öffnete das widerspenstige Fenster. Dabei wehte der Wind eines der ungerahmten Bilder herunter. Ich hob es auf und sah mir den nach vorne blickenden Mann im feinen Zwirn genauer an
      »Dass ist mein Vater«, lächelte Salina in der Türe. »Und das war mein Zimmer.« Sie klang wehmütig, als würde sie alles unscharf und aus größter Entfernung sehen. Ich nickte und stellte das Bild zurück. Unter dem nächsten Aufsteller ertastete ich zufällig Schmuck. Ein Medaillon oder sowas in der Art. Kurzerhand nahm ich es in die Faust und schob es in die Tasche. Salina sah die ganze Zeit verträumt durch mich hindurch. Ob sie etwas bemerkt hatte, konnte ich nicht sagen. »Wir haben hier früher gelebt, als ich noch klein war.« Sie trat ein und stellte sich neben mich. Verharrte wortlos. Erstarrte regelrecht.
      »Mathos?«
      »Ja?«
      »Steht auf dem Tisch das Bild von einer Frau?« Ich sah sie verwirrt an. »Ja.« Ich nahm es auf und drückte es ihr in die Hand. Sie lächelte versöhnt und ging.
      »Hey warte mal.«
      »Ich darf es doch mitnehmen, oder?«
      »Es ist euer Haus.« Bedrückendes Schweigen hing zwischen uns. Sie sah traurig zu Boden.
      »Ist alles…«
      »Wenn ich dir etwas raten darf, dann verlass dieses Haus. Am besten sofort. Geh den Weg zurück und schau dich nicht um. Egal was passiert«, unterbrach sie mich mit tonloser Stimme. Ich straffte unmerklich die Haltung und bohrte ihr fragende Blicke in den Rücken. In ihren zarten Worten schwang Leid mit. Bitteres Leid ohne Tränen. Sie presste das Bild gegen ihre bebende Brust und trat gerade über die Schwelle, als ihr Vater erschien.
      »Was geht hier vor?«, blaffte er uns an. Seine feindseligen Blicke richteten sich erst gegen mich, dann gegen das Bild. Salina stieß ihn wortlos zur Seite und lief davon. Die Treppe hinunter, aus der Türe hinaus und in den Wald hinein. Ich verfolgte sie durchs Fenster.
      »Sie wird wiederkommen«, ächzte ihr Vater mitleidig. »Sie kommt immer wieder zurück.« In der Tat schienen Kraft und Entschlossenheit mit jedem Schritt zu schwinden, bis sie schließlich auf dem kleinen Buckel vor dem Zaun stehen blieb. »Nimm sie nicht so ernst.« Seine Stimme klang rau und hart. Wie von einem übernächtigten Vater, der auf seine feiernde Tochter gewartet hatte.
      »Sie ist…«
      »Bescheuert?«, ergänzte ich. Er funkelte mich wütend an. »Krank! Krank ist sie«, brüllte er. »Gib ihr Zeit, dann wird sie sich beruhigen. Und nun komm runter. Das Essen ist fertig.«
    • Mathos Tagebuch - Herzensangelegenheit Teil 2


      Zu meiner Überraschung stand Salina bereits in der Küche und rührte im Eintopf herum, als wir die Treppe herunterstiegen. Beim Scheppern der Töpfe blieb ich unsicher stehen. Makarò drückte sich an mir vorbei und schlich um den Tisch, wo er wortlos auf einem gepolsterten Stuhl Platz nahm. Nach der ersten Unsicherheit tat ich es ihm gleich. Gegenüber von ihm. Von draußen brandete die letzten Sonnenstrahlen kraftvoll herein. Sie stürmten über den Hügel und tauchten den kompletten Raum in ein unheimliches Rot. Makarò entzündete die Kerzen. Gleichzeitig trug Selina schweigsam den Eintopf herein. Dabei spitzelte eine Ecke des Bildes aus ihrer Schürzentasche. Makarò griff gnadenlos nach dem Bild und nahm es an sich. Er ließ es unter dem Tisch verschwinden. Selina beobachtete jeden Handgriff ohne einzugreifen. Sie nahm es mit einer Ruhe hin, die an Apathie grenzte. Weder Wut, noch Zorn, noch Traurigkeit spiegelten sich in ihren Zügen. Stattdessen konzentrierte sie sich auf ihre Arbeit und befüllte zwei Schüsseln. Die erste stellte sie vor ihrem Vater ab, der sie tadelt fixierte. Die zweite Schüssel blieb vor ihr stehen. Dann zog sie den Stuhl heran und nahm Platz, ohne mir einen Teller anzubieten. Ich sah mir unglücklich den leeren Fleck an.
      »Willst du unserem Gast keinen Eintopf anbieten?«, knurrte der Vater. Seine Geduld war verbraucht. Selina begegnete dem eisigen Blick verkniffen. Sie legte die Hände in ihren Schoß und rebellierte still. Der herrische Alte räusperte sich. Seine Stimme wurde dunkler und bedrohlicher.
      »Hast du mich nicht verstanden?«, herrschte er sie an. Selina versuchte sich wegzudrehen, aber es gelang ihr nicht. Sie schloss die Augen und krallte ihre zuckenden Handflächen ineinander. Die Stimmung war zum Zerreisen gespannt. Gleich konnte einer der beiden explodieren. Inzwischen dunkelte das blutrote Licht nach und entrückten Vater und Tochter der Welt. Ihr blonde Haar wirkte plötzlich spröde und weiß. Beide Gesichter wächsern. Eine einsame Träne funkelte auf ihrer Wange. Makarò sprang energisch auf und deutete gebieterisch auf den Topf.
      »Bedienen unseren Gast«, befahl er. Es klang wie die groben Worte für einen Sklaven. Kalt, roh, unmenschlich. Salina zuckte. Ihr Gesicht verzog sich zu einer Fratze. Gleich einem nörgelnden Theaterbesucher gluckerte mein Magen dazwischen.
      »Also dann bediene ich mich selber«, meinte ich lächelnd und griff nach dem Stapel leerer Teller. Gleichzeitig schnellte Salina hoch, entriss mir den leeren Teller und befüllte ihn so zittrig, dass die Hälfte über den Rand schwappte. Anstatt den Teller einfach herüberzureichen, schleppte sie ihn mit beiden Händen festgekrallt um den Tisch und warf ihn vor meinen Füßen zu Boden. Die Scherben flogen in alle Richtungen davon. Einige schlitterten bis in die Küche. Ich sah mir erst die Pfütze an, dann Salina, die keuchend lächelte.
      »Brauchst du sonst noch etwas?«, fragte sie scheinheilig, während sie eine Strähne aus dem Gesicht wischte. Ich ließ die Arme auf das Tischtuch sinken und sah ein zweites Mal scheel runter.
      »Normalerweise nehme ich noch eine Prise Salz zu meinen Scherben.«


      Das restliche Abendessen bestand aus Lauern und Schweigen. Keiner von uns traute sich etwas zu sagen. Nach dem zweiten Teller fühlte ich mich so satt, dass ich auf meinem Stuhl müde zusammensank. Der Alte bot mir das Gästezimmer an. Ich musste an Selinas Warnung denken, die mich das ganze Abendessen über entrückt aber hilflos angestarrt hatte. Ihr Teller war noch randvoll. Faulheit und Völlegefühl obsiegte. Letztendlich fehlte mir einfach die Energie und die Lust für einen Nachtmarsch. Ich nickte nur. Makarò grinste zufrieden. Selina wirkte umso fassungsloser. Makarò schlich im Rücken vorbei. Er deutete beiläufig die Stufen hinauf, bevor er voranschritt. Ich stand auf und folgte im gebührenden Abstand. Oben brannten bereits Kerzen in den Wandhalterungen. Wie in Trance taumelte ich durch den kalten Flur. Alles drehte sich. Makarò verwandelte sich mit jedem Schritt mehr in eine wabernde Masse. Vor der letzten Türe blieb er stehen.
      »Hier kannst du schlafen.« Ich nickte nur. Meine Zunge klebte tonnenschwer am Gaumen. Das Türblatt sah im diffusen Licht merkwürdig aus. Unzählige Kratzer legten sich wie tiefe Schluchten über das Braun. Trotz aller Bemühungen erkannte ich nicht mehr.
      »Du musst die Unordnung entschuldigen. Wir haben nicht so häufig Gäste.« Er schob das Türblatt zur Seite und winkte mich herein.
      »Wundert mich gar nicht«, antwortete ich brüchig beim Anblick der alten, verstaubten Möbel. Von unten stieß Bitterkeit in die Mundhöhle hoch. Der Eintopf bekam mir gar nicht. Ich musste aufstoßen.
      »Alles in Ordnung?«, erkundigte sich der Alte. Er schwenkte halb herum und sah mich erwartungsvoll an. Ein gehässiger Glanz lag in seinen Augen.
      »Bestens. Bin nur müde.« Der Alte nickte.
      »Dann will ich nicht länger stören. Falls du noch etwas brauchst, sag einfach Bescheid. Wir sind noch etwas unten, bevor wir zu Bett gehen.« Einen Wunsch hätte ich gehabt, aber bevor ich um Wasser bitten konnte, flog die Türe bereits hinter Makarò ins Schloss. Da stand ich nun. In einem Wald, in einem Haus, in einem Zimmer. Und so alleine, wie nie zuvor im Leben.
    • In der Nacht schreckte ich hoch. Tiefste Dunkelheit umfing mich. Nicht einmal durchs Fenster drang Licht herein. Obwohl wir fast Vollmond hatten. Ich ächzte und rülpste im Dunkeln vor mich hin. Das Essen rebellierte und kämpfte sich die Speiseröhre hoch. Normalerweise verdaute ich alles, was man mir vorsetzte. Kartoffeln, Fisch, Fleisch, Erbsen, Ameisen, Kakerlaken, Ratten. Von mir aus auch Steine. Das nahm alles seinen natürlichen Weg. Aber dieser Eintopf war anders. Je länger ich im Bett lag, desto mehr glaubte ich unter der warmen Bettdecke ersticken zu müssen. Ich wälzte mich herum und bekam die Augen nicht mehr zu. Je angestrengter ich mich abmühte, desto munterer wurde ich. Und diese brütende Hitze unterm Dachstuhl erst. Der Schweiß lief mir in die Augen. Allmählich meldete sich auch noch die Blase zu Wort. Ich bettete meinen Kopf auf den verschränkten Armen. Mit gekreuzten Beinen kämpfte ich gegen den Drang an. Aber es war sinnlos. Müde hievte ich mich aus dem Bett. Im Dunkeln sahen die Schränke und Kommoden aus wie lauernde Riesen und Zwerge. Vor der Türe herrschte Ruhe. Von nirgendwo drang Licht heran. Kein Geräusch lag in der Luft. Einzig das Knarzen der Dielen unter meinen Füßen ertönte, als ich langsam die Treppen hinabstieg. Unten hing noch der Geschmack vom Eintopf in der Luft. Bei der Erinnerung stieß ich ungewollt auf. Wieder verströmte mein Magen bittere Gase. Was auch immer da drin war, fraß sich nun durch die Magenwände. Mir fiel auf, dass ich gar nicht gehört hatte, wie die beiden zu Bett gingen. Ich war augenblicklich eingeschlafen. Selinas Warnung spuckte durch mein Hirn. Ich bekam ihre Worte nicht mehr heraus. Argwöhnisch sah ich mich im Raum um. Zu meinem Bedauern fand ich nichts anderes als Bücher. Die meisten davon lagen speckig und abgegriffen aufeinander. Viele waren verstaubt. Allesamt wertlos. Ich seufzte enttäuscht und öffnete die Haustüre. Draußen strahlte das Mondlicht kurz durch den völlig verhangenen Himmel. Ein leichter Wind strich ums Haus. Die Bäume brabbelten gehetzt vor sich hin. Jeder Schritt quietschte auf dem wassergetränkten Moosboden. Und ganz leise klapperte es im Dunkeln. Ich marschierte rüber zum Plumpsklo, dass ich bereits am Nachmittag bei meiner Ankunft gesehen hatte. Es ragte schief aus dem Boden und glich einem verwitterten Holzpfahl. Ich glitt daran vorbei und erleichterte mich zwei Schritte weiter am nächsten Baum. Langsam klärte sich der behäbige Nebel in meinem Kopf. Die frische Luft tat mir gut. Mein Blick fiel auf das verwitterte Häuschen. Im darübergeworfenem Schatten sah es aus, als steckte es im Schlund eines Untieres fest. Aus den schwarzen Fenstern schienen mich unsichtbare Augen zu beobachten. Einzig der weiß strahlende Kiesweg leuchtete mir im fahlen Licht raus aus dem Wald. Jetzt erst fiel mir auf, wie still es hier wirklich war. Ich hatte weder Eichhörnchen noch Singvögel am Abend zuvor gesehen. Lediglich der Wind rauschte scheu durch die Blätter. Und im Hintergrund lag dieses Klappern. Die Haare entlang der Unterarme stellten sich auf. Es klang jetzt deutlich lauter. Hohl und aufgeregt. Vor mir erstreckte sich aber nur eine lange Linie aus schwarzen Büschen. Ich schloss meinen Hosenstall und trat bedächtig bis zum Plumpsklo zurück. Merklich verlor das Klappern an Wucht. Kaum trat ich näher, schwoll es wieder an. Ich spähte Richtung Pfad. Langsam fühlte ich mich wie eine Maus in der Falle. Ein zweiter Pfad führte zum See hinunter. Auf der schwarz gekräuselten Oberfläche zitterte das Mondlicht durch die Bäume. Noch war meine Furcht vor dem da draußen größer, als vor dem in den Büschen. Vielleicht war es ja nichts. Ich sammelte ein paar größere Steine auf und bedachte jedes klappern mit einem Wurf. Die meisten rasselten nur durch Blätter, aber von einem kam ein hohles Plong zurück. Auch der zweite Stein traf auf etwas Hohles. Bäume plongen nicht. Tiere liefen davon, wenn sie von Steinen getroffen wurden. Und Wölfe verstanden erst recht keinen Spaß wenn man ihnen Steine an die Birne warf, das wusste ich aus eigener Erfahrung. War es noch da? Ich trat auf den Busch zu, wo ich es vermutete. Wie eine Warnung ertönte erneut das Klappern. Geh weg. Komm mir nicht zu nahe. Hilflos ließ ich meinen Blick wandern. Neben dem Haus standen lange Stangen, die einst als Ersatz für Weidezäune gedacht waren. Bewaffnet mit einer dieser Stangen kehrte ich zurück und begann in dem Busch herumzustochern. Plötzlich traf die Spitze auf Widerstand. Fremde Bewegungen hallten an der Stange entlang. Das Klappern gewann an Intensität. Wurde hektischer. Ich rammte die Stange noch härter in den Busch und hörte es knacken. Das etwas verfing sich fest am anderen Ende. Es ließ nicht mehr los. Jeder zerrte an seiner Seite. Schließlich gelang es mir die Stange nach oben wegzuwuchten. Der Widerstand brach so abrupt, dass ich dabei fast das Gleichgewicht verlor. Über mir grinste am anderen Ende der Stange ein gelblicher Menschenschädel im Mondenschein. Die Stange hatte die Augenhöhle aufgebrochen und sich darin fest gefressen. Das Klappern kam vom zitternden Unterkiefer. Zu dem einen Klappern gesellten sich weitere hinzu. Sie schienen aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen. Das Haus war umstellt. Vor Schreck ließ ich Stange und Schädel fallen, wobei Zweiteres protestierend knackte. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich sprang zur erstbesten Häuserwand und hangelte mich an ihr wie an einer steilen Felswand bis zum Eingang vor. Selbst durch die geschlossene Türe drang es gedämpft hindurch. Ich suchte durch die Fenster nach Bewegungen. Noch begnügten sich die Gerippe mit lautstarken Protesten. Bevor sich das änderte, verrammelte ich die Türe mit dem daneben stehenden Regal und hastete die Treppe hoch. Blos weg von hier. Am Ende des Flures drang Licht aus meinem Zimmer. Zwei lange Schatten standen ratlos darin.
      »Das kann nicht sein. Der dürfte sich nicht mehr bewegen. Warum ist der nicht im Bett?«, krähte Makarò aufgeregt, während ich durch den Flur schoss. Die zweite Gestalt zuckte nur lakonisch mit den Achseln. Ich sprengte zwischen sie und hielt auf das Bett zu. Der Alte stolperte bei meinem Anblick kreidebleich gegen den Schrank. Seine Tochter trat lediglich einen knappen Schritt zurück.
      »Ich hau ab«, verkündete ich, während ich meine Habseligkeiten von der Bettkante einsammelte.
      »Bei euch krabbelt der Opa durchs Gemüse.« Mein Finger deutete beiläufig durchs Fenster. Von unten schlug leises Klappern gegen die Scheibe. Gerade laut genug das man es wahrnehmen konnte.
      »Danke fürs Essen falls ihr mal in der Stadt seid, besucht mich doch mal. Wie komme ich am schnellsten aus dem Wald?« Selina deutete Richtung See.
      »Folg einfach dem Kiesweg bis zum Opferplatz und dann immer geradeaus.« Bei dem Wort > Opferplatz< knallte etwas in meinen Rücken. Schmerzen schossen das Kreuz hoch. Ich wand mich wie ein Wurm an der Angel und sackte mit Hohlkreuz aufs Bett. Die Welt drehte sich. Ein zweiter Schlag zwang mich zu Boden. Diesmal ging er gegen den Kopf. Ich sah alles zehnfach. Ein letztes Mal drückte ich mich vom Boden weg und sah zu Selina auf, die teilnahmslos zurückschaute. Dann versank alles in der schützenden Umarmung aus Dunkelheit.
    • Mathos Tagebuch - Herzensangelegenheiten Teil 3


      Als ich den Kopf zur Seite legte, war da wieder dieses entsetzliche Klappern. Ich stöhnte laut auf. Alles stand falschfarbig und dreifach vor mir. Im Hintergrund leckten grüne Feuerzungen in den Nachthimmel. Der alte Makarò stand neben seiner teilnahmslosen Tochter und rezitierte in Trance.
      Sein Gesicht glühte vor Anstrengung. Der Schweiß lief ihm in Bächen herab. Salina hielt ein Tablett in Händen. Ich reckte den Kopf und stellte fest, dass er mich mit Lederriemen am Untergrund fixiert hatte. Das gleiche galt für meine Arme und Beine. Mit den Fingernägeln kratzte ich hilflos über die Holzplatte. Mein Gezappel blieb nicht unbemerkt.
      »Sieh da. Wieder wach?« Die Stimme des Alten klang schneidend und klar. Er schnippte, worauf das kopflose Skelett, das neben ihm panisch herumzuckte, einfach zusammenbrach.
      Die glühenden Runenbänder auf den Knochen verblassten. Übrig blieb ein jämmerliches Häuflein Gebeine, aus dem sich glühwürmchenähnliche Funken lösten. Makarò hatte seinen Sklaven bereits abgeschrieben.
      Sein Blick ruhte auf der fast geschlossenen Mondscheibe, deren gleißendes Licht sowohl den unruhigen schwarzen See als auch Makaròs Opferplatz ausleuchtete. Ich folgte seinem Blick und stellte zu meinem Entsetzen fest, dass die Ränder rötlich irisierten.
      »Ja, schau genau hin. Morgen ist Blutmond. Nicht irgendein Blutmond. Morgen stehen sich Planet und Mond so nahe wie in den nächsten sechs Monaten nicht mehr.« Er seufzte vielsagend. Ich hatte mich vom Anblick gelöst und beobachtete ihn.
      Seine Nasenflügel zuckten vor Aufregung. Und die Schultern hingen enttäuscht herab. Er fühlte sich zu einer Erklärung hingerissen.
      »Eigentlich wollte ich meine Reihen stärken, aber leider ging mein Plan in der Stadt nicht auf. Stattdessen muss ich mich mit dir begnügen.« Er prüfte ein letztes Mal die leblosen Knochen.
      »Diese grandiose Macht dient mir lediglich dazu, damit du für den angerichteten Schaden gerade stehen kannst. Welch eine Verschwendung.«
      »Witzbold. Wie soll ich stehen, wenn ihr mich hier festnagelt?«, quakte ich herausfordernd. Sein unversöhnlicher Blick drückte mich nieder.
      »Wenn ich mit dir fertig bin, dürfte das dein kleinstes Problem sein«, orakelte er grimmig. Mein Magen rebellierte. Er gurgelte und blubberte so laut das Makarò zufrieden grinsen musste. Makarò zog mit dem Gesicht heran und legte mir die knochige Hand auf den Bauch.
      Jetzt sah ich alle Unebenheiten in seinem verlebten Gesicht. Tiefe, schwarze Gräben gähnten im grünlich-weißlichen Widerschein von Fackeln und Mond. Darüber thronten blutunterlaufen Augen, so stechend wie Dolche. Lediglich die Gehässigkeit in seinem Blick war neu.
      »Ich verstehe nicht, wieso die Kräuter bei dir nicht wirken. Normalerweise betäube ich meine Opfer, bevor ich ihnen die Seele raube und ihre Gebeine versklave.« Er deutete vielsagend auf den Knochenhaufen. Allmählich sprangen bei mir die Lichter an. Ich ließ den Kopf zurücksacken und ächzte.
      »Nicht noch so ein dämlicher Nekromantenspinner. Ihr Typen kriecht ja momentan aus allen Löchern. Kannst du nicht irgendwelche Soldaten schikanieren gehen? Lass dir doch die Visage richten. Die hat‘s nötig.« Mehr fiel mir gerade nicht an Beleidigungen ein. Der Alte stieß sich ab und umrundete gemessenen Schrittes den Altar, ohne seinen Blick von dem meinen zu lösen.
      »Anfänglich tötete ich noch ohne Betäubung, aber das Geschrei und Flehen störte mich in der Konzentration. Ich denke bei dir werde ich es genießen.« Er fuhr mit den Fingern über mein Hemd und löste die Knöpfe. Ich beobachtete es kritisch wie eine Maus in der Rattenfalle, wenn der Häscher mit dem Hammer kam. In meinem Schädel rumpelten die Gedanken gegeneinander, aber mir wollte nichts brauchbares einfallen. Ich konnte ihn nur noch nerven und beleidigen. Aber ob das schlau wäre? Inzwischen schlug Makarò die Hemdhälften auseinander, ohne meine Gedanken eines Blickes zu würdigen. Der kalte Nachtwind strich mir über die bloße Brust. Wut keimte in mir auf.
      »Jetzt langsam reicht es aber«, schimpfte ich.
      »In diesem Punkt sind wir uns einig«, antwortete er angriffslustig. Ich wandte mich Salina zu, die weiterhin starr das Tablett musterte.
      »Das wäre ein guter Zeitpunkt um sein Gewissen wiederzufinden. Hör mal ich bequatschte dich so lange, bis ich tot bin.« Der Alte gluckste vor Vergnügen. Meinen tadelnden Blick schluckte er, ohne mit der Wimper zu zucken. Stattdessen griff er zum Dolch, den Salina auf dem Tablett hinhielt. Beim Anblick der scharfen Klinge schluckte ich.
      »Und so wie es aussieht auch noch darüber hinaus.« Der Alte wankte zu einem aufgesetzten Kessel und versenkte den Dolch innerhalb eines Drahtgestells. Ich dachte an das Bild, das er ihr entrissen hatte.
      »Salina - was würde deine Mutter sagen?« Salina schreckte merklich zusammen. Ihre Pupillen weiteten sich und sie schenkte mir einen verstörten Blick, der mich aufatmen ließ. Jetzt nur nicht nachlassen.
      »Sag mir würde sie das hier gut heißen? Würde sie Menschen morden?« Salina sah zu Boden um den drohenden Blicken ihres Vaters auszuweichen. Ihre Stimme klang tonlos und schwach.
      »Meine Mutter war wie ich Ärztin.« So alt sah sie gar nicht aus. Mir fehlte die Zeit um über das Gehörte nachzudenken.
      »Ärzte töten keine Menschen«, rief ich ihr eindringlich ins Gedächtnis. Es wirkte. Ich sah das Aufflackern von Unsicherheit in ihrer Körpersprache.
      Leider auch Makarò.
      Er ging dazwischen mit zwei bauchigen Feldflaschen in den Händen.
      »Salina, deine Mutter starb bei deiner Geburt. Es reicht. Du wirst mir zu aufsässig Kind!« Salina sah auf. Blutige Tränen kämpften sich die Wange hinunter.
      Makarò erschrak. Er sog hörbar Luft in die Lungen, umfasste kurz entschlossen mit einer Hand die Flaschenhälse und griff ihr mit der freien Hand ins wellige Haar. Dann riss er ihr die Haut und das Fleisch vom halben Gesicht, über den Hals bis tief hinein ins Dekolleté. An den Rändern wuchsen auf ihrem weißen Kleid grobe Blutflecken. Auf dem blanken Schädel mäanderten feine Rinnsälen aus Blut und grüner Flüssigkeit hinunter. Das nun offen liegende Auge ploppte heraus und hüpfte an mir vorbei.
      Ich konnte nicht anders als ihm zu folgen, bevor meine Aufmerksamkeit zu den beiden zurückkehrte. Wehrlos sah sie zu ihrem Vater, als er sie erneut attackierte. Dieses Mal griff er von unten in den Kiefer. Das Fleisch quietschte erbärmlich, während sich seine Hand um ihre Zunge schloss. Blutiger Speichel lief über den Handrücken. Weitere Blutspritzer schossen in alle Richtungen. Aus ihrer offenen Kehle drangen gequälte Laute. Sie schüttelte lethargisch den Kopf, ohne dabei zurückzuweichen. Er fesselte ihren Blick mit der herausgerissenen Zunge, die er ihr präsentierte.
      »Ich gab dir die Stärke des Fleisches. Nicht aber ihre Schwäche«, schimpfte er, wie mit einem unartigen Kind.
      »Wenn du dich dessen nicht würdig erweist, nehme ich sie dir wieder weg.« Eine letzte Träne kullerte über die unversehrte Gesichtshälfte. Ihr Widerstand brach in sich zusammen.
      Ich sackte stöhnend zurück und schloss die Augen. Das war es dann wohl.
      Durch die Dunkelheit drang sein letzter Befehl in ihre Richtung: »Geh zurück zu den anderen.« Sein herrischer Ton gab ihr den Rest. Und nach dem Schlurfen zu urteilen, gehorchte sie widerstandslos.
      Danach wandte er sich mir zu.
      »Ich verschwende nichts«, meinte er stolz, als ich gerade ein Augenlid hochschob. Er hielt mir die zuckende Zunge entgegen und erklärte:
      »Diese Haut stammte von der letzten Bettlerin, die ich aus der Gosse zog. Sie stand ihr wirklich gut. Leider hält das nicht allzu lange vor. Die Verwesung ist immer noch ein Problem. Erst fängt sie an zu stinken, dann wird die Haut grau und schließlich kommt das Ungeziefer.« Ich verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. Das wollte ich gar nicht wissen. Aber meine Meinung zählte hier nichts.
      Angestachelt von meinem angeekelten Gesichtsausdruck fuhr er fort: »Das Fleisch nutze ich größtenteils für meine Ghoulexperimente. Die müssen ja auch von irgendwas leben.« Bei dem Wort >Leben< hätte ich am liebsten lauthals losgeschrieben. Er bestrich meine Brust mit seinen blutverschmierten Mixturen.
      »Als erstes muss ich dir das Herz rausschneiden«, erklärte er, während seine spinnenhaften Finger über meine Brust krabbelten.
      »Dann extrahierte ich die Seele und zum Schluss lege ich deinen Körper in den See. Nach meinen ganzen Experimenten ist das Wasser so ätzend, dass es das Fleisch in Tagen von Knochen löst.«
      »Das müssen wir aufschieben. Ich hab meine Badehose vergessen«, konterte ich automatisch.
      Der Alte lächelte boshaft: »Ich leihe dir meine.«
      So einfach ließ er mich nicht vom Haken. Ich stöhnte erneut, was er als Kapitulation verstand.
      Er wankte zufrieden zum Kessel und hob das Drahtgestell an. Der Dolch pulsierte in mordlüsternem Grün.
    • »Hast du noch einen letzten Wunsch?«
      »Ja mach die Fesseln auf und dreh dich um, damit ich dir einen Tritt in deinen knochigen Hintern geben kann.« Ohnmächtig riss ich an den Lederbändern. Der Alte trat mit dem Messer an meine Seite.
      »Schon bald wirst du anders denken. Wenn man es noch denken nennen kann.« Er hob den Dolch mit beiden Armen über den Kopf. Irgendwie musste ich Zeit schinden.
      »Ach dann ist das gar nicht deine Tochter? Ich meine denken kann sie ja nicht mehr.« Makarò hielt in der Bewegung inne. Seine Züge verzehrten sich zu einer gramgebeutelten Fratze. Er sah das halbe Gesicht wehmütig an, in dem immer noch ihr unschuldiger Liebreiz kauerte.
      »Doch das war sie einmal. Aber sie starb viel zu jung. Als ich von ihrem Schicksal hörte, rettete ich alles was noch von ihr übrig war. Sie ist mein absolutes Meisterwerk. Ich habe in ihre Erweckung mein ganzes Herzblut gesteckt. Sie ist mehr als ein einfaches Skelett. Und eines Tages wird sie wieder Leben.«
      »Ja klar«, spottete ich todesmutig.
      »Noch ist ihr Lebensfunke nicht gänzlich erloschen. Noch ist es möglich. Meine Meisterin wird mir die Mittel dafür schenken, wenn ich ihr eine Armee gebe. Du wirst Teil dieser Armee sein. Ich bin nahe dran.« Erneut wandte er sich sehnsüchtig dem Mond zu. Ich glaubte ihn langsam zu verstehen und sah endlich eine Chance. Er setzte erneut an. Bevor sein Dolch herniedersausen konnte, schrie ich: »Wenn du mich am Leben lässt, gebe ich dir etwas Wertvolleres als meine Seele.« Der Alte lachte gehässig auf.
      »Und was sollte das sein?« Wie von Sinnen hörte ich die Worte aus meinem Munde tropfen, als wäre ich aus Raum und Zeit versetzt.
      »Einhundertfünfzig Seelen.« Das Messer sank langsam herab. Er musterte mich argwöhnisch und suchte nach Anzeichen von Lügen. Bevor er sich zu einer Antwort hinreißen ließ, legte ich nach. Diesmal mit klarem Verstand.
      »Die Siedler. Ich gebe dir die Siedler, wenn du mich laufen lässt.«
      »Du willst dein mickriges Leben gegen einhundertfünfzig Menschen tauschen?«, wiederholte er ungläubig. Ich zuckte mit den Schultern.
      »Erstens hat mir einer von denen in die Kaffeetasse gekotzt. Zweitens habe ich wegen denen mein Schiff verloren. Und drittens kenne ich keinen von denen persönlich. Ich weiß wo sie sind und wohin sie gehen. Ich kann sie hierher umleiten. Oder ich bringe dich zu ihnen. Ganz wie du willst. Du machst deinen Hokuspokus und hast hundertfünfzig niegelnagelneue Sklaven.« Ich wackelte dabei beschwörend mit den Händen, was ziemlich albern aussah, so kurz angebunden, wie sie waren.
      Makarò traute mir nicht. Mit einem Seitenblick auf Salina fuhr ich fort.
      »Da war eine scharfe Blondine dabei. Die würde Salina gut stehen. Du weißt schon. Das Auge versklavt mit«, sagte ich vielsagend und kniff dabei ein Auge zu. Aber er wollte nicht anbeißen. Er rieb sich nachdenklich mit dem Handrücken das Kinn, wobei seine Finger bedrohlich gegen das Klingenblatt klopften. Ich packte meinen letzten Trumpf aus. Zeitdruck war immer gut.
      »Einhundertfünfzig Menschen«, flötete ich. »Frauen, Männer, Kinder. Frisch vom Festland. Ohne Krankheiten. Mehr oder weniger. Sie werden morgen zur nächsten größeren Stadt aufbrechen. Dann ist die Chance vertan. Außerdem…«, ich deutete so gut es ging mit zwei Fingern Richtung Mond.
      »Morgen ist Blutmond. Hast du selber gesagt.« Keine Ahnung was er damit meinte. War mir auch egal. Aber sein Blick sprach Bände. Für diesen rituellen Hokuspokus mussten immer irgendwelche Voraussetzungen erfüllt sein. Wahrscheinlich brauchte er den Blutmond um seine Kräfte zu verstärken. Das Entseelen von Menschen klang schwierig. Wie kompliziert es war, wollte ich heute Nacht nicht mehr rausfinden.
      »Und du erwartest allen ernstes, dass ich dich jetzt laufen lasse?«, meinte er grimmig. Ich sah an seinen Augen, dass der Gedanke bereits in seinem Hirn wurzelte. Er überflog seine Ausrüstung und dachte wohl schon darüber nach, wo er die Gefangenen unterbringen würde. Dabei wirkte er mir eine Spur zu selbstsicher.
      »Naja du kannst natürlich auch weiterhin Woche für Woche in die Stadt latschen und dir die Lebensgeschichten von irgendwelchen Pennern anhören, die du nebenbei bekochen darfst. Denk an die Rückenschmerzen, das Kopfweh…«
      »Es reicht! Ich bin einverstanden. Aber ich will ein Pfand.« Ich nickte verständnisvoll.
      »Klar. Ich verspreche das ich wiederkomme. Bei allem was mir heilig ist.« Das war nicht allzu viel. Musste er aber nicht unbedingt wissen.
      Makarò setzte wieder dieses gehässige Lächeln auf, dass mir den Angstschweiß auf die Stirne trieb.
      »Oh du wirst wieder kommen. Dafür sorge ich.« Er fuhr seine freie Hand zur offenen Klaue aus und spannte jeden Muskel. In Sekundenbruchteilen verfiel er in seine Trance. Flüche formten sich auf den Lippen, so greifbar, dass ihr Klang im Dunkeln aufleuchtete. Ich hielt angespannt den Atem an. Ein Schwall aus schwarzem Rauch fiel von ihm ab und verteilte sich rings um den Altar, der daraufhin erbebte. Die Sinneseindrücke überrannten mich. Bevor ich das eine verstand, passierte bereits das nächste. Grüne Blitze zuckten geisterhaft empor. Pranken aus Schatten kratzten neben mir über das Holz. Plötzlich stand sein Gesicht ganz nah über mir. Ich beobachtete fast panisch wie er seine schwarz angelaufene Klaue in meine Brust tauchte. Fast zeitgleich krachte und quietschte es um mich herum. Schmerzen schossen von der Brust in alle Glieder. Brennendes Feuer, dass die Nervenbahnen versengte. Japsend wand ich mich auf dem Brett. Es fühlte sich höllisch an. Ich drehte den Kopf weg. Meine Sicht verwischte. Alles verdoppelte und verdreifachte sich. Jetzt erst begriff ich, dass das Knacken und Krachen von meinen Rippen stammte. Seine Finger umschlossen das unruhig schlagende Herz. Weitere Schmerzensströme strichen in alle Richtungen davon. So schnell wie es begann, endete es. Als es nachließ, entspannte ich etwas. Über mir zog sich Makarò zufrieden zurück. Die Tat hatte auch ihn gefordert. Aber in seinem Blick lag Triumph. Und in seiner Hand sah ich den Grund dafür. Er hielt mir demonstrativ mein schlagendes Herz entgegen.
      »Jetzt darfst du gehen.«

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    • Mathos Tagebuch#4 - Herzensangelegenheiten




      Ich befühlte hilflos meine Brust. Unter dem abgewetzten Stoff zackte eine dunkle Narbe vom Halsansatz bis zum Bauchnabel. Eine ungewöhnliche Beklemmung drückte den Brustkorb zusammen. Ich hielt nervös den Atem an und legte meine Hand aufs Herz. Aber statt des beruhigenden Pochens erklomm eisiges Schweigen die Finger. Schweiß schoss mir auf die Stirn. Beinahe wäre ich in die Knie gesackt. Meine Beine verwandelten sich in Wackelpudding.
      Zwischen den Bäumen am Wegesrand glühte geisterhaft die Erinnerung. Makarò legte das schlagende Herz in das nächstbeste Gefäß und versiegelte es. Sein Grinsen und die damit verhaftete Zufriedenheit krallten sich in meinen Verstand. Um ihn herum brannte das Schwarz des Sees, wie eine Aura aus der Unterwelt.
      Unsere Abmachung war einfach. Mein Herz gegen die Siedler. Ich sollte sie durch einen Pass locken, wo er sie leicht überwältigen konnte. Und das heute noch. Wenn ich nicht bis zum Abend am verabredeten Treffpunkt erschien, würde er meine Seele opfern, denn das ginge dank dem Einmachherz, auch ohne meine Anwesenheit. Damit wäre ich ein lebender Toter. Ein Ghoul, ein Zombie und würde immer weiter zerfallen, bis von mir kaum mehr übrig blieb, wie von Salina. Bei dem Gedanken erschauderte ich unwillkürlich. Ich starrte in den klaren Himmel, wo in wenigen Stunden der Blutmond glühen würde. Ohne es zu merken, war ich stehen geblieben. Vor mir öffnete sich der schmale Waldpass zu großflächigen Weizenfelder. Hinter der nächsten Hügelkette spitzelte schon das Morgenrot hervor. Die frische Brise zog landeinwärts und trug den kribbelnden Blumenduft mit sich. Meine einzige Hoffnung bestand aus dem Dorf am Ende des Weges.
      Vielleicht hatte ich mich etwas zu weit mit dieser Abmachung vorgetraut. Schließlich wusste ich nichts über den Verbleib von Mannschaft und Passagieren. Aber wohin sollten sie schon gehen? Solange sich der Kahn hielt, würde Kapitän Dräger sein Schiff nicht aufgeben. So viel stand fest. Er musste sein Quartier in der Nähe beziehen. Und wo der alte Sack war, dort war zumindestens auch die Mannschaft. Und was die Passagiere anging… Viele von ihnen hatten die Überfahrt nur schlecht verkraftet. Mit einer Horde geschwächter Menschen, konnte er ebenfalls keine weiten Sprünge machen. Nein er würde die Situation an einer ruhigen Stelle abwettern.
      Ich sackte zusammen. Da war noch etwas anderes. Wie sollte ich sie zum weiterziehen überreden? Ich hatte mich nicht nur zu weit über den Abgrund vorgelehnt, nein ich war schon zwei Schritte weiter. Die Zweifel nagten an mir. Ich klatschte mir mit beiden Händen heftig ins Gesicht und hüpfte im Kreis. Der ganze Frust entlud sich in abgehackten Schreien. Es dauerte eine Weile bis der angestaute Irrsinn von mir abgefallen war. Endlich tauchten wieder vernünftige Gedanken auf. Mein Plan stand fest. Im nächsten Dorf würde ich nach den Schiffbrüchigen fragen.
      Als ich gerade losmarschieren wollte, blieb meine Hand an einer Beule im Stoff hängen. Es war das silberne Medaillon, das in die Tasche gewandert war. Ich drehte es in den Händen bis es aufschnappte. Erneut strahlte mich ein Frauengesicht an. Es war das gleiche fröhliche Anglitz wie auf Salinas Bild. Unbeeindruckt davon klappte ich es zusammen und steckte es weg.
      Nach längerem Marsch drangen metallische Hammerschläge durch die Luft. Jenseits einer sanften Hügelkette schmiegten sich mehrere Wohnhäuser an einen geraden Flusslauf. Verbunden wurden sie durch einen Marktplatz in dessen Zentrum ein steinerner Brunnen thronte, umringt von Handwerksbetrieben sowie dem örtlichen Wirtshaus. Links und rechts führte der Pfad am Fluss entlang hinaus in die Welt. Mehrere Rappen drängten sich vor dem Hufschmied gegeneinander. Ihr aufgeregtes Wiehern begrüßte mich, als ich den Trampelpfad hinunterstolperte. Kinder spielten zwischen Kisten und Fässern am Lagerhaus. Ich ließ sie links liegen und hielt genau auf die Kneipe zu, in dessen Biergarten schwer bewaffnete Männer saßen.
      Eigentlich karteten sie auf klapprigen Stühlen an zwei windschiefe Rundtische unter dem verkümmerten Rest einer abgestorbenen Eiche. Sie trugen das königliche Banner auf dem Wamsrücken. Eine goldene Krone auf rotem Grund. Stark sahen sie aus. Ich zählte im vorübergehen acht Mann und blieb mit den Augen am schlechtesten Blatt aller Zeiten kleben. Die Anwesenheit dieser Männer machte mir Mut. Sicherlich kamen sie in das Dorf um den Siedlern beizustehen.
      Mein Herz sprang vor Freude gegen den Deckel. Wahrscheinlich kampierten diese hinter der nächsten Hügelkette. Wenn ich angestrengt durch das Gejohle horchte, glaubte ich Kinderlachen und Frauengeschwätz zu hören. Ein unverschämtes Grinsen schlich sich in mein Gesicht. Auch weil der mit dem schlechten Blatt alle anderen aus dem Pott blaffte. Dabei wäre ich fast in den hünenhaften Mann vor mir gestolpert. Stattdessen stieg ich ihm auf die Hacken.
      Der Riese wirbelte mit Verwünschungen auf den Lippen herum. Sein dunkler Timbre jagte mir den nächsten Schrecken ein. Die Stimme kam mir gleich bekannt vor. Genauso überrascht wie ich blieben ihm die Flüche im Halse stecken. Ich sah die faustdicken Speckrollen rings um den Hals, die flatternde Segelohren, die spiegelnde Glatze, die wuschigen Augenbrauen, die zu einer einzigen schwarzen Linie zusammenwuchsen, wenn er sie kraus zog und erkannte ihn sofort.
      Bulk.
      Der erste Maat meines Schiffes. Ein Fleischberg ohne Humor und noch kürzerer Zündschnur. Unterwürfig gegenüber dem Kapitän und erbarmungslos vor seinen Untergebenen. Das Schiff war seine Geliebte, seine Mutter und sein größter Schatz.
      »Du!« Zu meinem Bedauern hatte er mich sofort erkannt, was ich nicht nur an seinem wortreichen Vokabular erkannte, sondern auch an dem gesunden Rot, dass ihm augenblicklich ins Gesicht schoss. Ich rückte in Richtung Wachen ab. Sollte Bulk ausrasten, konnten ihn keine zehn Pferde einfangen. Die paar Wachen würde er wie Reisig zerbrechen.
      »Hallo Bulk, was macht das Schiff?«, fing ich unverfänglich an, als träfen wir uns beiläufig auf der Straße beim Sonntagsspaziergang. Bulks Ohren flatterten heftiger. Wäre er nicht so fett gewesen, wäre er abgehoben.
      »DU!«, wiederholte er. Dabei brannten seine wütenden Augen Löcher in meine Selbstachtung. Offensichtlich war er noch sauer wegen dem kleinen Malheur neulich. Ich kannte ihn nicht anders. Wahrscheinlich war er immer schon so gewesen. Als der Arzt dem kleinen Bulk bei der Geburt den obligatorischen Klaps gab, hat er ihn wahrscheinlich mit der Nabelschnur erdrosselt. Ich versuchte das Gespräch ins Rollen zu bringen, ohne ihn dabei über Gebühr zu reizen.
      »Na, ist der alte Kahn endlich gesunken?«, fragte ich beiläufig, während ich meine Fingernägel musterte. Seine zitternden Hände griffen nach meinen Schultern. Der Hals verschwand unter angespannten Muskelbergen und verwandelten die verzehrte Fratze in eine irre dreinschauenden Handpuppe. Dann wackelte die Welt um mich herum.
      »Was machst du Laus hier? Wieso lebst du noch? Ich hab dich doch persönlich abgeschossen!« Sein Gebrüll schellte in meinen Ohren.
      »Gute Gene…«, presste ich heraus.
      »Ratten! Ratten überleben alles! Ich werde dich zerstampft wie eine Ratte!«, brüllte er immer lauter und zur Belustigung der Wachen, die mir kein bisschen zur Seite standen. Selbst ihr grauhaarige Hauptmann sah uns schelmisch lächelnd zu. Jetzt erst begriff ich es. Bulk war der Türöffner, den ich brauchte. Es hatte mir gar nichts Besseres passieren können. Ich setzte mein unverfänglichstes Lächeln auf und fragte zuckersüß:
      »Nett das du das sagst. Ach übrigens, ich bräuchte ein paar Siedler. Ich nehme auch Alte und Kinder. So 10-20 Menschen sollten reichen.«
      »Willst du mich verarschen?« Die Gesichtsfarbe kippte ins Lila. Langsam musste ich um meine Zähne bangen. Ich hob meine Hände so gut es ging zwischen uns hoch um ihn auf Abstand zu halten.
      »Ne, mir ist was blödes auf dem Weg zur Stadt passiert. Ob du es glaubst oder nicht, dort wollte ich Leute für die Bergung holen.«
      »Was blödes? Du wandelnde Seuche BIST was blödes. Dir passiert ständig irgendwas blödes.« Er schüttelte wieder an mir rum. Seine Stimme rollte durch das ganze Dorf. Dunkel und hitzig wie Gewitterdonnern.
      »Ja, wie auch immer. Da war so ein alter Kerl, der hat mir irgendwie mein Herz gemopst und nun soll ich ihm ein paar Menschen liefern, damit er mich vom Haken lässt. Ach ja, eine hübsche Frau müsste auch dabei sein. Ich nehme auch die Seekranken.« Endlich reagierten die Wachen. Stühle kratzten aufgeregt über Steinplatten. Die Tische wackelten. Von all dem unbeeindruckt, rüttelte Bulk weiter an mir herum.
      »Willst du mich verarschen? Sei froh wenn ich dich jemals wieder runterlasse.« Endlich griff der Grauhaarige dazwischen. Er umfasste Bulks Bizeps und schüttelte den Kopf. Bulk, gewohnt auf Vorgesetzte zu hören, hielt sofort inne. Seine Wut verpuffte so schnell wie sie kam. Ich schnaufte erst mal richtig durch. Der Grauhaarige musterte mich ausgiebig. Seine Männer standen rings um den Tisch. Die Karten lagen auf einem Haufen in der Mitte. Ihr Lachen war verklungen. Überall nur ernste Gesichter.
      »Erzähl mir mehr«, forderte er ruhig.

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    • Wir saßen im Wirtshaus an einem gut ausgeleuchteten Tisch. Ich, der Hauptmann, ein Ritter und Bulk. Der Ritter glänzte, während meines traurigen Berichtes mit seinem Zinnteller um die Wette und verschlang eine Mahlzeit nach der anderen. Bulk saß griesgrämig daneben und klapperte unruhig mit den Schuhversen. Nur der Hauptmann, ein alter Recke mit beschwörerischem Leuchten in den Augen und klarer, kräftiger Stimme hörte aufmerksam zu.
      Ich beschränkte mich dabei auf das Nötigste, ohne meine Rolle klein zu reden. Als ich geendet hatte, blies ich Luft durch die Zähne und fuhr mit der Hand über die merkwürdige Wunde um die Augen der Anwesenden darauf zu lenken. Nur der Ritter grunzte verächtlich zwischen zwei Bissen ohne aufzuschauen.
      Stattdessen wechselte er vielsagende Blicke mit dem Hauptmann.
      »Also ist es doch ein Nekromant«, folgerte der Hauptmann. Sein Vorgesetzter lachte auf.
      »Umso besser für uns. Damit werde ich fertig.« Er reckte seine Rechte siegessicher empor. Ein kreisrundes Brandmal zierte den Handrücken.
      »Ihr solltet diesen Mann nicht unterschätzen Sir William. Wir wissen nicht, seit wann dieser Kerl im Hinterland sein Unwesen treibt.«
      Sir William konterte: »Der Bursche sprach von drei Skeletten. Wie mächtig kann er schon sein? Wir untersuchen das Verschwinden von sieben Menschen. Dann sind es halt zehn. Skelette sind einfache Gegner. Ich kann es alleine mit allen aufnehmen. Vergesst das nicht, Meister Brennwick. Ich erhielt das königliche Siegel für Tapferkeit und Tugendhaftigkeit. Ich werde nicht vor einem Nekromanten weichen. Egal wie viele Skelette er in die Schlacht führt«, erklärte er großspurig. Er warf sich über seine Keule ohne Brennwicks kritischen Blick außer Acht zu lassen. Jetzt verstand ich, dass die Wachen nicht wegen den Siedlern im Dorf waren. Makaròs Aktivitäten hatten Aufmerksamkeit erregt.
      »Vertraut mir.«
      »Mag sein. Dennoch sollten wir Verstärkung anfordern.« Sir William fiel vor Schreck die Keule herab.
      »Für Skelette?«
      »Für den Nekromanten«, berichtigte Brennwick. Sir William meckerte ein Lachen und lehnte sich weit über den Stuhlrücken hinaus.
      »Und den Ruhm teilen? Wir haben genügend Männer. Du da.« Er deutete auf Bulk, dessen Haltung sich merklich strafte.
      »Wo ist euer Kapitän?«
      »Zurück an Bord der Trinidad Sir.« Der Ritter nickte anerkennend.
      »Wie viele Männer stehen dir hier zur Verfügung?«
      »Mit Segeltrimmer etwa dreißig Mann. Unter denen sind auch kräftige Burschen dabei.«
      »Man sagt die Meere seien gefährlich. Seid ihr im Kampf bewandert?«
      »Natürlich, abgesehen von der Laus versteckt sich niemand, wenn Piraten auftauchen.« Er warf mir einen vernichtenden Blick zu. Ich fühlte mich in meiner Ehre verletzt. Schwieg aber. Nicht weil ich Bulk fürchtete, sondern weil ich dem Ganzen kein Sand ins Getriebe streuen wollte. Schließlich ging es um mein Herz. Sir William wandte sich Brennwick freudestrahlend zu.
      »Dann haben wir weitaus genügend Männer. Ich beschlagnahme das Waffenlager des Dorfschmieds und lasse die Männer ausrüsten. Dann führt uns der Bursche zur genannten Stelle und dann schauen wir mal wer hier wen überrascht.« Er meckerte wieder lang und ausgiebig.
      »Ich könnte euch ne Karte zeichnen«, schlug ich dünn vor. Bulk krallte sich in die Tischplatte, wobei seine Augen vor Wut loderten. Sicherheitshalber sah ich an ihm vorbei. Brennwick gewann meinem Vorschlag auch nichts ab.
      »Du kommst mit. Wegen dir sitzen wir im Schlamassel. Ich wette du hast den Kerl erst auf die Idee gebracht«, brummte er. Ich dachte an Makaròs selbstsicheres Grinsen.
      »Unsinn. Der hat eure Leuchtraketen gesehen«, log ich leise.
      »Was hast du gesagt?«, blökte Bulk ungehalten über den Tisch.
      »Was veranstaltet ihr auch ein Feuerwerk wenn der Kahn vollläuft?«, moserte ich zurück.
      »Wer hat uns denn versenkt?« Bulks Kopf verwandelte sich in eine Tomate. Seine Fäuste schlugen so hart gegen die Tischplatte, dass Sir Williams Teller einen Salto hinlegte und die letzten Bissen seines Mahles abdeckelte. Alle sahen gebannt zu, wie die Soße in den Brettspalten versiegte, bis der Hauptmann sich räusperte.
      »Du kommst mit. Wir werden uns als Siedlerzug tarnen und den Nekromanten herauslocken. Bedenkt das man Skeletten ohne Magie nur schwer beikommt. Abgesehen von Sir William kann keiner unter uns Magie wirken. Wir werden uns mit Hämmern und Schilden ihrer erwehren müssen. Unser Ziel muss die Festnahme des Nekromanten sein.« Sir William schnaufte verächtlich aus. Offensichtlich brauchte er ihn nicht lebend.
      »Mein Herz wäre auch nicht ganz unwichtig«, warf ich ein und kassierte sofort tadelnde Blicke.
      »Der Bursche geht mit mir nach vorne«, beschloss Sir William. Er klopfte sich selbstsicher gegen die Brust.
      »Seit ohne Sorge. Ich werde mich persönlich um den Nekromanten kümmern«, tönte er siegessicher. Dabei grinste er mich vielsagend an. Ich zog das Gesicht zu einer angewiderten Fratze zusammen und zupfte am Wams von Hauptmann Brennwick. »Abgesehen vom Rittertum ist der schon noch ganz knusper, oder?«