Vorstellung

    • Was wäre wenn unsere Helden eine Stimme hätten und von ihren Abenteuern berichten könnten.
      Wenn sie uns auf ihre riskanten Reisen entführen würden. Ihre Geschichten künden von Wagemut, Tapferkeit und Freundschaft im Angesicht von blutrünstigen Bestien, boshaften Menschen oder dämonischen Einflüßen.

      Werden sie es überstehen?

      Schauen wir mal was einer von ihnen zu erzählen hat.

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      Mathos Tagebuch #1

      Ich bin gelandet. Eigentlich bin ich mit der Rübe voran gegen die Steilklippe gedonnert.
      Warum? Sagen wir Kapitän Dregger war nicht mit meiner Leistung zufrieden, aber deswegen muss er mich nicht gleich mit dem Katapult auf einen fremden Kontinent einnageln.
      Seine Reaktion war völlig überzogen, aber das kenne ich nicht anders von dem alten Schreihals. Und gebrüllt hat er. Da übersieht man mal ein lausiges Riff und schon drehen alle durch.
      Aber auf dem offenen Meer hat sich nie einer über meine Arbeit beschwert.
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      Ich werde mich wohl vorerst mit diesem Eiland beschäftigen. In der alten Heimat haben sie von > wie auch immer< geschwärmt. Überall standen die Anwerber und wer in der falschen Kneipe sein Feierabendbier trank, wachte am nächsten Morgen versandfertig verschnürt in der Hafenmeisterei auf. An Bord der Trinidad Makabro de Compostela hatten sie die Siedler bis unters Deck gestapelt. Die armen Schweine sahen nach einer Woche auf See aus, wie ein Gelbfieberlazarett auf Büßerwanderschaft. Das Schiff haben sie auch grün und gelb tapeziert. In jeden Eimer, in jede Ritze, sogar in meine Kaffeetasse haben sie gekotzt.
      Die liegt jetzt auch da draußen auf dem Meeresgrund. Zusammen mit meinem Krempel und der Heuer.

      Das Schiff kränkt nach Backbord. Es liegt schon recht tief zwischen den hochleckenden Schaumkronen. An Deck schreien die Siedler um Hilfe.
      Sie winken.
      Ich winke zurück.
      Wenn sie die Boote abfieren, verschwinde ich vom Strand.

      Mehr als die Top Drei der Dinge, die ich nicht mag, sehe ich hier eh nicht. Heulende Matrosen - Blut im Gesicht - und ich glaube ich habe eine Wanderkrabbe in der Hose.
      Aber wohin? Erst mal weg vom Strand. Zum nächsten Hafen. Hoffentlich haben die hier schon das Rad erfunden. Geld brauche ich auch. Da hinten führt ein Steilpfad die Klippen hoch. Und wo ein Pfad ist, da muss es auch Menschen geben. Bei einer solchen Untiefe vor der Küste, sollte es mindestens einen Leuchtturm geben.

      Vielleicht können die dort einen tüchtigen Ausguck gebrauchen.

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      Mathos Tagebuch #2

      Das Land war eine Frühlingswiese mit herunterbrennender Sonne. Insekten schwärmten zwischen den vielfarbenen Blütenkelchen aufgeregt hin und her. Getragen von einer salzigen Brise, die über den Grat landeinwärts strömte. Ich folgte dem Weg bis zum verlassenen Camp. Rechts vom Pfad standen windschief zusammengenagelte Regale, gefüllt mit Erzbrocken, Steinquadern, Bergkristallen, schimmernden Metallbarren und Einweggläsern voller Goldflitter. Gegenüber baute offensichtlich der Gleiche seine Kate. Ein vorne offener Kasten mit zwei schlecht ausgeschnittenen Löchern, die wohl Fenster sein sollten, verhangen mit übereinandergeschlagenen Segeltuchfetzen, die sich im Wind blähten. Auch die offene Seite versteckte sich hinter einem Segeltuch das sich stark nach innen wölbte. Das Hämmern auf Eisen lockte mich weiter über den nächsten Hügel. Dort stand ich plötzlich vor dem Besitzer des Lagers.

      Der Kerl war das Abziehbild eines Schmiedes. Groß, lederne Haut, brauner Schnauzer, Glatze, voluminös - sozusagen fett und Arme, die eigentlich Oberschenkel werden sollten. Er wischte sich mit der zerknitterten Lederschürze den Schweiß ab und sah mich herablassend an. Auf seinem Arm schählten sich im Spiel aus Licht und Schatten acht Namen hervor, von denen die oberen sieben durchgestrichen waren. Der dunkelblauen Farbe nach, hatte er sich mit einem Füller tätowieren lassen, worauf er sichtlich stolz war, da er, kaum dass er meinen neugierigen Blick bemerkt hatte, die Muskeln zum zerreisen spannte. Seine Laune besserte es jedoch nicht.


      »Was willst du?«, blaffte er mich an.
      »Arbeit?«
      Er legte den Kopf schief und zog die buschige Augenbraue zu einer Linie zusammen.
      »Siehst mir nicht aus wie ein Schmiedelehrling.«
      Ich winkte leichtfertig ab: »Ich kann alles. Hab schon alles gemacht und alles gesehen.«
      »Soso. Hau ab.«
      »Na bitte wenn du nicht willst. Sag mir wenigstens wo die nächste Stadt liegt – Mausi.«
      Das war der letzte Name auf seiner Liste. Vor mir trieb der Hammer das klingende Eisen auseinander. Dann faßte mich der Schmied ins zusammengekniffenen Auge.
      »Was hast du gesagt?«
      »Ich fragte wo‘s zur nächsten Stadt geht.« Und nach einer Pause. »Mausi«
      Dabei grinste ich so unverschämt, dass sich dem Schmied der Schnauzer aufrollte. Er sog hörbar Luft ein und zählte heimlich bis drei. Sein Brustkorb blähte sich noch weiter auf und er straffte seine Haltung.
      »So du willst also arbeiten? Ich hab was für dich. Schaff mir Fleisch ran. Dann muss ich heute Abend nicht zur Stadt latschen. Stell ein paar Fallen auf und fang die Hasen auf der Wiese. Für jeden Hasen zahl ich dir 40 Silber - du Profi.« Ich glaubte er nahm mich nicht ernst. Da ich ihn nur dumm anschaute, grinste er unvermittelt.
      »Oder hast du damit ein Problem?«
      Ich löste mich mit einem Kopfschütteln aus der Starre und zuckte gelangweilt mit den Schultern: »Nö, wieso denn?«
      Um für den Kampf Mensch gegen Hase gerüstet zu sein, griff ich zum erstbesten Messer, das in der Schmiede herumlag.
      »Was wird denn das, wenn es fertig ist.«
      »Du willst ja wohl deinen Hasen nicht mit Fell fressen, oder? Und mein Zeug ist mit dem Schiff untergegangen.«
      Der Schmied schreckte hoch: »Dein Schiff ist untergegangen. Wann? Wo?« Putzig wie er sich um andere sorgte. Ich deutete mit dem rostigen, schartigen Messer den Weg zurück: »An den Klippen vorne. In etwa 20 Minuten.«
      Die Spannung beim Schmied ließ augenblicklich nach. Er konzentrierte sich wieder auf sein glühendes Metallstück.
      »Du verarscht mich doch«, brummte er.
      »Leg das Messer weg, wenn du dafür nicht zahlen kannst. Da draußen hats Steine und Holz im Überfluss. Bau dir gefälligst wie jeder andere Fallen. Einem „Profi“ müssen die Hasen ja so aus der Hand fressen«, sagte er spitz, während er die Nase rümpfte.
      »Da sagst du was. Da gab‘s mal einen Hasen in der Bar in Kinobel. Da ging die Post …«
      Ich lehnte mich gelassen gegen ein Ölfass und schwang das Messer.
      »Hau ab und lass das Messer hier.«

      Manche Menschen haben einfach keine Manieren.


      Das mit dem Jagdgeschick war gelogen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen lebenden Hasen gesehen. Das einzige wovon ich etwas verstand, war das Fischen. Aber ich glaube man kann in Wäldern keine Wildschweine angeln. Und was man an die Angel heften muss, damit ein Hase anbeist, das wusste ich auch nicht. Karotten gab‘s weit und breit nicht. Und die schlecht zusammengeschusterten Fallen, waren so groß das man damit Mammuts fangen musste und dem Mammutmangel hier auf der Wiese nach zu urteilen, hatten die grade keine Saison. Ein einziger Hase war mir in die Falle gehopst. Der Stein sauste runter und das Karnickel entwischte durch die löchrige Seitenwand. Dabei quickte es noch gehässig. Danach würdigte die Biester meine Fallen mit keinem Blick mehr.


      Inzwischen stand die Sonne tief. Am Horizont zeichneten sich schon die gelben und roten Dämmerungsbänder ab. Der Wind drehte und die ersten Leuchtkäfer stiegen auf. Aus lauter Verzweiflung jagte ich die Tiere mit einer Keule. Leider schlugen sie bessere Haken als ich oder tauchten einfach in tiefen Erdlöchern ab. Das letzte Karnickel, dem ich hinterhereierte, flitzte durch das Schmiedelager. Vor der Kate gab ich die Jagd auf. Mein Atem rasselte. Das Herz randalierte im Brustkorb. Meine Beine waren Wackelpudding. Ich ließ die Keule fallen und sank auf die Knie. Es war zum verzweifeln. Als ob mir etwas zustimmen wollte, quickte etwas durch das Segeltuch hindurch.

      Ich kroch zur Kate rüber und spähte hinein. Im Halbdunkel saß etwas auf dem Tisch und machte sich über eine Schale Gemüse her. Es war zu groß für ein Karnickel. Eher ein kleiner Hund. Mit extrem dicken, wolligen Fell, in dem sich die langen Schatten verfingen. Vorsichtig zog ich den Kopf ein, ohne es aus den Augen zu verlieren, und tastete nach der Keule, als plötzlich vor der Küste die erste Seenotrakete aufstieg. Das Schiff schwamm also noch. Im Schein des gespenstischen Grüns reckte das etwas den Kopf hoch und stellte die Löffel auf. Mit glutroten Augen sah es mich an. Schneeweißes Fell. Und unter der rosa Nase hingen zwei lange Hauer. Das war ein richtiges Wehrkarnickel. Der Großvater aller Karnickel. Für den bekam ich das Doppelte, so fett und groß wie er war.

      Langsam schob ich mich erst auf die Beine und dann durch das Segeltuch.
      »Gutes Karnickel«, säuselte ich mit honigweicher Stimme. »Komm doch raus. Ich hab ne schöne Karotte für dich.«
      Mit beiden Händen umklammerte ich den Keulengriff hinterm Rücken und lächelte dabei so versonnen wie ein Geistesgestörter. Das Karnickel mümmelte unbeeindruckt an seinem Salatblatt. Wenn es nach mir ginge, wäre es das Letzte in seinem Leben gewesen. Entschlossen rückte ich zwei Schritte näher heran und hielt ihm die leere Hand entgegen. Jetzt konnte ich zuschlagen.
      Sowas ähnlich muß sich das Mistvieh auch gedacht haben, den plötzlich stieß es einen markerschütternden Kriegschrei aus, spannte sich mit angelegten Löffeln zu einer Kugel und schnellte mit dem Kopf voran in meinen Unterleib. So ein Karnickelschädel ist hart, wenn er auf Hühnerprodukte trifft. Ich sank wimmernd zusammen. Meine Hände verkrampften, ließen die Keule los und schnellten vor die pochende Hose. Viel zu spät bemerkte ich, wie es in drei Sprüngen hinter mir war und zum Todesbiss ansetzte. Gleich einem blutleeren Vampir bei einer 17-jährigen versenkte das Vieh seine Beiser genüsslich in meinem Nacken. Ich schrie auf vor Schmerzen, warf mich hin und wälzte mich am Boden, wobei meine Hände haarscharf am Karnickelleib vorbeischrammten. Das Biest gab nicht auf. Es knurrte wie ein Hund und watschte mich mit den Löffeln ab. Seine Krallen ritzten ganze Felder von Schlangenlinien auf meinen Rücken. Irgendwie kam ich auf die Beine und warf mich mit dem Rücken gegen den protestierenden Mittelpfosten. Das Karnickel pfiff vor Schmerzen. Es löste den Biss. Ich packte es an den Löffeln und pfefferte es durch das Segeltuch. Im nächsten Moment wurde es dunkel, weil das gesamte Dach herunterkam.

      Als ich aus dem Trümmerhaufen kroch, stand der Schmied breitbeinig und übellaunig vor den Überresten seiner Hütte. Seine Augen funkelten zornig. Er verschränkte die Arme vor der Brust und zischte: »Hast DU mein Mausi ins Regal geworfen?«
      Ich sah verwirrt an ihm vorbei zu den geplatzten Einwegläsern am Boden, aus denen der Wind Goldflitter entführte, das Regal hinauf zu dem rücklings liegenden Monster zwischen weiteren abgeräumten Gläsern. Sah aus wie ein Volltreffer bei der Wurfbude. Seine Hinterläufe zuckten noch. Ein langgezogenes, klagendes Fiepen trieb protestierend durch die Luft.
      »Das ist Mausi?«
      Da fielen mir auf Anhieb bessere Namen ein.
      »Ich hab das Biest beim Randalieren erwischt«, ächzte ich und deutete auf die zerstörte Hütte. Dabei versuchte ich mein Bein loszureißen, das unter einem Balken fest hing. Der Schmied zog sein Karnickel vorsichtig aus dem Regal und kuschelte es zurück in die Realität.
      »Macht 40 Silber«, sagte ich und hielt die Hand auf.
      »Dafür willst du Geld? Das ist mein Karnickel, du Idiot.«
      Ich zerriss mein Hosenbein, krabbelte unter den Trümmern hervor und stand auf.
      »Also gut ich erlasse dir 50 Prozent. Aber es ist doppelt so fett wie ein normales Karnickel. Damit sind wir wieder bei 40.«
      Der Schmied begutachtete irre meine offene Hand, dann die Kate. Er schwankte zwischen bezahlen und ausrasten, als den Weg hoch Stimmen ertönten und eine weitere Leuchtrakete den dämmrigen Himmel erhellte. Bevor er begriff, was da eigentlich geschah, legte ich ein paar Meter zwischen uns und verabschiedete mich im Plauderton: »Ist ja nicht so wichtig. Ich lass auch anschreiben. In der Richtung geht‘s in die Stadt? Ja? Man sieht sich irgendwann.«
      Als ich über den nächsten Hügel verschwand, hörte ich die knurrende Stimme meines ehemaligen Kapitäns.

      »So dumm wie du aus der Wäsche guckst, war Mathos schon hier.«